Rheinischer Merkur, 8. November 2007
„Kinder sind unsere Zukunft.“ Das haben wir zu oft gehört, um es ernsthaft zu hinterfragen. „Unsere Zukunft“ – was könnte damit günstigstenfalls gemeint sein: allgemeiner Wohlstand, Arbeit für alle und sichere Renten? Der Umkehrschluss, „wir sind die Vergangenheit unserer Kinder“, ist weniger populär. „Wir“ – wer ist das: Reiche, Angehörige der Mittelschicht, Menschen mit Migrationshintergrund, Alleinerziehende, Familien mit Armutsrisiko, Patchworkfamilien, kinderlose Singles? Angesichts dieser Vielfalt von Lebensmodellen und den daraus entstehenden Herausforderungen fällt es schwer, an ein „Wir“ zu glauben und sich in der Gegenwart in die Vorstellung einer kollektiven Identität zu flüchten. „Wir“ sind offenbar unterschiedlich, und folgerichtig bescheinigen auch aktuelle Studien wie die von World Vision Deutschland ein großes soziales Gefälle und undurchlässige gesellschaftliche Strukturen.
Doch es gibt etwas, was uns alle verbindet: eine Wirtschaft, deren Interessenvertreter und Statthalter in Politik und Medien inbrünstig argumentieren, Wirtschaftswachstum und Standortqualität stünden über allem. Im Fokus des Übernahmeversuchs der Wirtschaft steht der Bildungssektor. Ganz konsequent werden von Wirtschaftsinstitutionen wie dem Bundesverband Junger Unternehmer, der DIHK Hamburg oder dem Deutschen Aktieninstitut die Bildungsziele und -inhalte in Kindergarten und Schule im Sinne des Leistungsgedankens umdefiniert, damit die Kinder in Siebenmeilenstiefeln herangeführt werden an ihre volks- und betriebswirtschaftlichen Aufgaben. Das Lieblingswort, „alternativlos“, gibt dabei fast jeder vorgeschlagenen Maßnahme enormes Gewicht.
Es gilt als opportun, Kleinkinder Potenzialanalysen zu unterziehen. Bücher mit Checklisten, was ein Kind angeblich bis sieben alles abgehakt haben muss, fehlen in kaum einem Elternhaus. Wir nehmen als selbstverständlich hin, dass internationale Wirtschaftsorganisationen unser Bildungssystem testen und geißeln. Deutsche Elternteile radebrechen mit ihren Sprösslingen an der Kindergartengarderobe auf Englisch, Spanisch oder Portugiesisch, als hätten sie über Nacht ihre Muttersprache verlernt. Wir haben gelernt, das sei das Beste für unsere Kinder, und deshalb verfolgen wir dasselbe Ziel: uns und unsere Kinder in diesem Rattenrennen um Geld und Bildung mit denselben Mitteln weit nach vorn zu bringen.
Alle? Nicht alle! Manche machen es wie Abraham: Wehren statt Nicken. Wir kennen Abraham als perfekten Untertan, der bereit war, seinen Glauben zu beweisen, indem er seinen Sohn opferte. Diese Bibelgeschichte hat Generationen von Kindern eine Heidenangst eingejagt. Doch wahrscheinlich war alles ganz anders: Abraham opfert seinen Sohn nicht! Dazu gehört eine Menge Zivilcourage für einen Mann, der in einer Kultur lebt, in der Menschenopfer, wie Theologen und Altertumsforscher herausgefunden haben, verbreitete religiöse Praxis waren. „Kindesopfer“, schreibt der heute in Zentralamerika lebende deutsche Wirtschaftswissenschaftler Franz Hinkelammert in „Der Glaube Abrahams und der Ödipus des Westens“, „hatten eine ungeheure Anziehungskraft gerade auf Autoritäten, die ständig dazu neigten, in Autoritätskrisen darauf zurückzugreifen.“
Aber Abraham spielt nicht mit. Als er seinen Tribut leisten soll, sucht er nach einem Ausweg, um das von ihm erwartete Kindsopfer abzuwenden. Flieht er, verzichtet er auf seinen Status, sein Haus, seinen Hof und sein Land. Spielt er den Revolutionär, riskiert er das Leben seiner Familie. Der listige Abraham entscheidet sich für einen dritten Weg: Er akzeptiert scheinbar das Verdikt, sattelt die Esel und nimmt Isaak sowie als Zeugen seine beiden Knechte mit in die Wildnis. Als er sicher ist, mit seinen Begleitern allein zu sein, lässt er auch die Knechte zurück. Dann legt er nicht seinen Sohn auf den Scheiterhaufen, sondern einen Widder, der sich mit den Hörnern im Dickicht verfangen hat. Den überraschten Knechten tischt er auf dem Heimweg eine martialische Geschichte auf, von Engeln, die herniederfuhren, vom Himmel, der sich verdunkelte, von Gott persönlich, der seine Hand zurückhielt und so weiter.
Die Elternsituation von heute ist ähnlich, nur die höchste Instanz hat gewechselt. Der alttestamentarische Gott wurde abgelöst vom Deus Oeconomicus, der uns lehrt, an den Wert des Kapitals zu glauben. Und zwar so konsequent, dass auch der Mensch mit seinem Wissen und seiner Arbeitskraft seinen Wert an sich verloren hat und in harte Währung umgerechnet wird. Das Ergebnis ist Humankapital, Unwort des Jahres 2004, das mithilfe von Human Capital Resource Management Software profitmaximierend und prozessoptimierend gesteuert wird. Erst haben wir das Geld erfunden, jetzt erfindet das Geld uns neu. Doch wir müssen keine Revolutionäre sein, um alternative Wege zu finden durch das angeblich alternativlose System.