Vorsicht, „Judenkarte“

Leserbrief zum Spiegel-Titel:
Das überförderte Kind

PiratInnen?
Da hört der Spaß auf

It’s payback time

Killing bin Laden – right or wrong?

The elite’s historical amnesia

Freedom of opinion: A burning issue

Big Brother’s not watching

Raise wages, reduce debt

Germany’s ‘Iron Lady’

Sorry to see her go

Live and let live

Ayoba South Africa!

Why I’m against referendums

 

Archiv 2006 - 2009

 

Mach’s wie die Seeanemone

Midas Dekkers hat starke Vorbehalte gegen Sport

Am letzten Septemberwochenende waren wieder 40.000 Unverbesserliche unterwegs. Beim Marathon in Berlin rannten und rackerten, schnauften und stöhnten 40.000 Sadomasochisten. Völlig ohne Nutzen quälen und bestrafen sich Sportler, und ihr Tun ist sogar lebensverkürzend, wenn man Neil Armstrong folgt, der davon ausging, dass jedem Menschen eine bestimmte Zahl von Herzschlägen gegeben sei, von denen er keinen einzigen verschwenden wollte. Sport ist Mord, behauptete gar Winston Churchill. Und nun warnt der holländische Autor Midas Dekkers: Als Kollateralschaden kommen noch die Schäden für die Volkswirtschaft hinzu, die Millionen verletzte Sportler verursachen, sowie die Schäden an der Umwelt durch Golfspieler und Mountainbiker.

Gesundheit endet, wo er Sport beginnt? Dekkers Behauptungen bedrängten meinen Kopf bei einem Puls von 140, während mehrerer Läufe entlang der Spree. „Sport ist was für die Blöden im Land“, behauptet der bekennende Bridgespieler Dekkers, der lieber mit Männern am Tisch sitzt, um zu sehen, wer das „beste Köpfchen“ besitzt, das beim Karten- und Schachspiel auf dem Hals eines Mannes sitzt, wie er in einem Nebensatz behauptet.

Frauen können also nicht denken, und Sportler können es auch nicht, nicht einmal männliche. Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper? Die Griechen glaubten daran, dann erst wieder Jahn, bald Hitler und nun das „Muskelzeitalter“, das „dämliche Zeitalter“, in dem die Massen sich dem Irrglauben hingeben, Sport sei zu irgend etwas nützlich. Bullshit für Dekkers. Esoterik, Aberglaube, Verblendung. Sport führt direkt zur Verblödung des Volkes.

„Mit dem Existenzialismus haben die Studenten von heute nichts mehr am Hut“, lamentiert der Holländer, der sich in einem früheren Buch sehr intensiv mit den Tabubereichen der Liebe von Menschen zum Tier beschäftigt hatte. „Sie wollen ins Fitnessstudio, in die Sauna, zum Tennisspielen, oder sie müssen Geld für neue Klamotten verdienen, in denen die neuen Muskeln besser zur Geltung kommen.“ Das ist gut formuliert und eine treffende Beschreibung der Kommerzialisierung des Sports.

Dass die ihr Gehirn vernachlässigenden Sportler sich auch noch von der Accessoire-Industrie ausbeuten lassen, ist ein schlagender Beweis für die These: Wer trainiert, hat keine Zeit zum Denken. Wer viel trainiert noch weniger. Fanatiker, die so viel üben, dass sie Pokale und Medaillen gewinnen, haben keine Zeit mehr zum Leben. Vor bestimmten Sportarten sollte gar mit großen Tafeln gewarnt werden: „Fußball ist die Vorarbeit an der Demenz.“ Über Boxer braucht man gar nicht mehr zu reden.

Polemik muss weh tun, sonst macht sie keinen Spaß. Dekkers zu lesen macht meistens Spaß. Aber bei den Fakten dürfte der Polemiker gern bleiben: Auch wenn Prellungen und Beinbrüche die Krankenkassen Geld kosten, so weisen unzählige Studien nach, dass Menschen, die regelmäßig Sport treiben, weniger unter Herz- und Kreislauferkrankungen leiden.

„Ungefähr die Hälfte unseres Volkes treibt Sport“, schreibt dagegen Dekkers. „Aber ausgerechnet die Hälfte, die es gar nicht nötig hat. Menschen treiben keinen Sport, um gesund zu werden, sie treiben Sport, weil sie gesund sind.“ Das ist natürlich Unsinn. Die Sportler sind gesund geblieben, weil sie – vermutlich zeitlebens – ausreichend Bewegung hatten. Würden sie sich nun auf die faule Haut legen, wär’s vorbei mit dem gesunden Körper, in dem ein gesunder Geist wohnt.

Dekkers dagegen behauptet, Sport sei in erster Linie ein Wettkampf zwischen den Genen. Viele Menschen hätten „überhaupt keine Veranlagung dazu, dünn zu sein“. Diese armen, von der Natur geschlagenen Menschen essen immer mehr als sie verbrauchen, behauptet Dekkers, und werden deshalb dicker – mit und ohne Sport.

Doch der Doktor Dekkers wäre kein Bestseller-Autor, hätte er nicht Trost parat für die Faulen, Unsportlichen und Dicken: „Man muss sich einfach akzeptieren, wie man ist.“ Gegen zu viel Fett hat er sogar eine Medizin für diejenigen, die selbst zum Brötchen holen ins Auto steigen: „Nichtstun kostet Energie. Gut zu wissen, wenn man abnehmen möchte.“ Am besten also ein Nickerchen statt joggen.“Warum soll man sich gesundrennen, wenn man sich gesundschlafen kann?“ Man spart sogar dabei, nämlich eine Menge Energie und Nahrung. Bleib‘ also am Platz, mach’s wie die Seeanemone. Es sind die Schildkröten, die unter den Tieren am ältesten werden, nicht die Hasen. So schadest Du weder Dir noch Deinem Nächsten.

Die wahren Schädlinge sind also die Sportler: Ihre Passion belastet nicht nur sie selbst, sondern die gesamte Gesellschaft. Mit dieser Argumentation haben Politiker ein weitgehendes Rauchverbot durchgesetzt. Findet der glänzende Polemiker Dekkers Gehör, werden sie auch den Sport verbieten. Danach das Autofahren. Dann das Arbeiten. Und schließlich das Leben.

Ach ja, weshalb treiben eigentlich so viele Menschen Sport? Der Autor hat ganz am Ende eine Idee, auf Seite 402 schreibt er: „Weil’s Spaß macht.“ Wohl denn, verbieten wir den Spaß eben auch noch. Peter Köpf

Midas Dekkers: Der Gesundheitswahn. Vom Glück des Unsportlichseins, Karl Blessing Verlag, 416 Seiten, 19,95 Euro