Vorsicht, „Judenkarte“

Leserbrief zum Spiegel-Titel:
Das überförderte Kind

PiratInnen?
Da hört der Spaß auf

It’s payback time

Killing bin Laden – right or wrong?

The elite’s historical amnesia

Freedom of opinion: A burning issue

Big Brother’s not watching

Raise wages, reduce debt

Germany’s ‘Iron Lady’

Sorry to see her go

Live and let live

Ayoba South Africa!

Why I’m against referendums

 

Archiv 2006 - 2009

Die „taz“ wollte nicht drucken? Dann drucke ich eben selbst:

PiratInnen? Da hört der Spaß auf

Von Peter Köpf

Das musste ja so kommen. Die Piraten feiern fröhlich, da fordert die Heide Oestreich in der taz die Quote für die „männerdominierte“ Piratenpartei und ihre Kollegin Svenja Bergt schreibt: „Ohne Frauen hört der Spaß bald auf“. Die Piraten haben nach diesem taz-Angriff nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie werden, wie gefordert, „für Frauen attraktiver“, kümmern sich um Zuzug von Nerdinnen und nennen sich künftig PiratInnen oder sie beharren und werden als Machopartei in die rechte Ecke gestellt, als eine Nerd-Fraktion aus Männern, Männern, Männern, die „zu sehr nach alten Socken“ riecht.

Diese Diskussion zeigt beispielhaft, wie ideologisch Genderfragen heute diskutiert werden – und wie kontraproduktiv die Debatte sein kann. Denn auch lila Latzhosen müffeln manchmal ziemlich, wenn sie es nicht lassen können, den Leuten vorzuschreiben, was sie zu tun haben. Dieses Gefühl, welches nicht nur junge Menschen den alten Parteien gegenüber empfinden, war eine der Ursachen für immerhin neun Prozent der Berliner WählerInnen, dieser neuen, unverbrauchten, unideologischen und sehr heterogenen Gruppierung zu vertrauen – darunter mehr vormalige Stimmverweigerer als Wechselwähler, die bei grün, rot, schwarz oder gelb abgesprungen sind.

Diese junge Partei hat es bisher noch nicht einmal geschafft, glaubwürdig darzustellen, wofür und wo sie eigentlich steht im politischen Spektrum. Mit „süßen“ Plakaten sind zwar offenbar WählerInnen zu mobilisieren, aber sie ersetzen nicht die Arbeit, die jetzt kommt und an der diese Partei möglicherweise wieder zerbricht. Und da soll es der Piraten größtes Problem sein, für „Gleichberechtigung“ zu sorgen, nur weil sich nicht mehr als eine Frau gefunden hat, die bereit war, sich auf die Wahlliste setzen zu lassen?

Die Fakten, soweit bekannt: Partizipation von Frauen hat auch bei den Piraten niemand ausgeschlossen. Niemand hat Frauen daran gehindert, einen Aufnahmeantrag zu stellen, mitzudiskutieren und mitzuarbeiten. Und niemand hat gesagt: Eine Frau kommt mir nicht auf die Liste. Vielleicht gab es einfach nicht genügend Nerdinnen, die Lust auf ein Abgeordnetendasein hatten. Nicht einmal unter den Männern dieser Partei, die gewählt worden sind, ist das ja sicher. Und die einzige gewählte Frau hatte am Tag nach dem Sieg für Politik keine Zeit.

Aber nicht nur die Piraten, sondern die deutschen Parlamente insgesamt wären nicht „männerdominiert“, wenn mehr Frauen sich bequemen würden, einen Mitgliedsantrag zu stellen und sich auf die so genannte Ochsentour durch die Parteihierarchie zu begeben, um nach ein paar Lehrjahren an Straßenständen und in Gremien als Volksvertreterinnen zu kandidieren und schließlich auch zu dienen. Das nämlich ist in einer Demokratie der Königsweg zum Mandat und – auch wenn heutzutage manchmal zu junge Frauen wie auch Männer zu früh zu MinisterInnenehren  kommen – auch zu höheren Ämtern. Früh übt sich, wer eine Bundeskanzlerin werden will. Oder anders formuliert: Ohne Fleiß kein Preis.

Gemessen am Mitgliederanteil in den Parteien sind die Frauen in deutschen Parlamenten mehr als gerecht vertreten. Nur die Grünen und die PDS haben mehr als ein Drittel weibliche Mitglieder. Bei CDU, SPD und FDP deutlich weniger als 30 Prozent, bei der CSU unter 20. Der Bundestag aber besteht zu einem Drittel aus Frauen. Für jede Partei sitzen dort im Verhältnis zum Mitgliederanteil überproportional viele Frauen. Das zu beklagen hat sich übrigens kein Mann getraut, und dazu gibt es auch keinen Grund, weil die weiblichen MdB nicht schlechter qualifiziert sind als die männlichen. Auch die Piraten werden – wenn bald mehr Frauen auf dem neuen Schiff mitsegeln und sie dauerhaft in den Parlamenten vertreten sein sollten – dass, wie Svenja Bergt (irrtümlich) schreibt, „das sowieso männerdominierte Parlament“ nicht noch männerlastiger wird.

Vielleicht wären die PiratInnen mit „Frauenförderung“ und „geschütztem Raum in der Partei“ tatsächlich für Frauen attraktiver. Es könnte aber auch anders kommen, wenn beides als diskriminierend empfunden wird. Junge Frauen wissen heute: Gute Mädchen kommen überall hin, und diese gut ausgebildeten, zielstrebigen Frauen werden – nicht nur in der Politik – sagen können, sie haben es wegen der Qualität ihrer Arbeit geschafft, statt als Quotenfrau geringschätzt zu werden. Just do it!

Vielleicht war der unideologische Ansatz insgesamt das Erfolgsrezept der Piraten. Vielleicht haben so viele junge Menschen – Männer zuvörderst, aber auch Frauen – die Partei gewählt, weil sie sich von anderen Parteien unterscheidet, indem sie nicht mit überkommener Ideologie punkten will. Junge Menschen, junge Frauen zumal wollen ihren eigenen Weg gehen. Jungen Frauen stehen heute alle Türen offen. Entnervt verbaten sich auch Piratinnen Einmischung in diese innerparteiliche Angelegenheit. Motto: Könnt ihr nicht einfach mal aufhören, mir vorschreiben zu wollen, wie ich zu leben habe.

Wenn die Piraten sich in Zukunft vom bevormundenden Mainstream domestizieren lassen, sind sie keine Piraten mehr. Wenn das geschieht, könnte es sein, dass eine andere Zeitung als die taz später einmal titelt: Mit den Frauen hörte der Spaß auf.