Vorsicht, „Judenkarte“

Leserbrief zum Spiegel-Titel:
Das überförderte Kind

PiratInnen?
Da hört der Spaß auf

It’s payback time

Killing bin Laden – right or wrong?

The elite’s historical amnesia

Freedom of opinion: A burning issue

Big Brother’s not watching

Raise wages, reduce debt

Germany’s ‘Iron Lady’

Sorry to see her go

Live and let live

Ayoba South Africa!

Why I’m against referendums

 

Archiv 2006 - 2009

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Deutschlandradio Kultur: Politisches Feuilleton, 18. Juni 2008

Profitcenter Kind

Von Peter Köpf

Familien mit Kindern müssen gefördert werden. Das war stets Konsens in unsere Gesellschaft. Aber früher waren Kinder Kinder, heute sind sie Ressource für die Zukunft. In dieser Zeit der Ökonomisierung aller Lebensbereiche betrachten auch Eltern ihre Produkte inzwischen als Kostenfaktor. Kinder sind heute eine große Investition. Und deshalb reimt sich auf Kinderfreud‘ – Offenbarungseid. Oder, wie es Marc Beise, Wirtschaftsredakteur der Süddeutschen Zeitung, in der SZ am Wochenende (14. Juni) formulierte: „Kinder sind immer noch die beste Gewähr dafür, dass man in dieser Gesellschaft nichts mehr reißen kann.“ 

Das jahrelange Klagen mittelständischer Medieneltern über zu geringe finanzielle Zuwendungen des Staates hatte Erfolg. Zu Beginn dieses Jahrhunderts hatten sich die zuständigen Fachkommentatoren in den Leitmedien noch echauffiert, wenn ein Sachverständiger die staatlichen Hilfen für Familien und Kinder auf 80 Milliarden Euro taxierte. Damals wehrten sich die Kinderlosen mit dieser stattlichen Zahl gegen die Ansprüche der Kinder-Besitzer.

Heute erntet die Familienministerin keine Empörung mehr, wenn sie sehr zufrieden und sehr stolz verkündet, der Staat gebe inzwischen 189 Milliarden Euro für „familienbezogene Leistungen und Maßnahmen des Staates“ aus. Damit ist die Familie eines der erfolgreichsten Unternehmen in diesem Land. 100 Prozent „Renditesteigerung“ in sechs Jahren – so gesehen sind Kinder fast schon ein Profitcenter.

Henrike Roßbach stellte denn auch zu Recht in der FAZ fest: „Kaum ein Land überschüttet Eltern derart mit Geld.“

Und trotzdem wird gejammert was das Zeug hält. Dabei schaffen manche Eltern problemlos den Spagat, mehr Geld für sich zu fordern und andererseits den Staat anzuklagen, weil er zu viel Geld ausgebe und damit ihre Zukunft und die ihrer Kinder gefährde – zuletzt bei den bescheidenen Rentenerhöhungen.

Die Argumente der Kinder-Besitzer sind zeitgemäß: Wer die begehrte Ressource Kind nicht zur Verfügung stellt, muss einen Ausgleich für ihr gesamtgesellschaftliches Investment zahlen. Angeblich geschieht das nicht. Marc Beise formulierte es so:

„180 Milliarden Euro werden jedes Jahr in Deutschland für Familienleistungen ausgegeben? Ich habe absolut keine Ahnung, wo die ankommen.“

Dann wollen wir mal Nachhilfe geben:

Kindergeld (für die schlechter Verdienenden) und der Ertrag durch Freibeträge (mit denen besser Verdienende mehr als 154 Euro monatlich herausholen) summieren sich auf rund 35 Milliarden Euro. Mehr als eine Milliarde Euro sparen Eltern bei Solidarzuschlag und Kirchensteuer.

Die Leistungen der Sozialversicherung für Familien summieren sich auf knapp 25 Milliarden Euro, allein an die 14 Milliarden für die kostenlose Mitversicherung der Kinder. Weitere 10 Milliarden Euro kostet die Sozialversicherung für Mütter, die sich ausschließlich Haushalt und Erziehung widmen – in Deutschland noch immer die Regel.

Brechen wir es herunter auf die Frage, was bei einem nicht in der Existenz bedrohten, durchschnittlich und allein verdienenden Vater ankommt, beim klagenden Mittelständler: Mein Steuerberater hat ausgerechnet, dass ein Single ohne Kinder mit 40.000 Euro Jahreseinkommen 5.680 Euro Lohnsteuer, Kirchensteuer und Solidarzuschlag zahlt. Die Durchschnittsfamilie mit zwei Kindern muss dank Ehegattensplitting und Kinderfreibeträgen nur 1.830 Euro abtreten. Macht 3.850 Euro pro Jahr fürs Kind, 320 Euro monatlich. Hinzu kommen zwei Mal 154 Euro Kindergeld. Die Familie zahlt außerdem 30 Euro weniger in die Solidarkassen. Macht alles in allem monatlich rund 660 Euro.

Staatliche (und stattliche) Leistungen für Kinder sind auch die Ausgaben für Bildung. Doch die zählen heute offenbar nicht mehr, denn Kindergärten und Staatsschule haben in großstädtischen Mittelstandskreisen einen schlechten Ruf. Das Sozial-Gedöns interessiert dort ebenfalls nicht.

Unterm Strich finanzieren Eltern 54 Prozent dieser Familienleistungen über Steuern und Sozialabgaben selbst, betont Ministerin von der Leyen. Das bedeutet: Die andere Hälfte begleichen Nicht-Eltern. Schweigend. Selbstlos. – Selbstverständlich!

Es ist richtig, dass der Staat Eltern unter die Arme greift. Dass auch Kinderlose sich beteiligen, finanziell und ideell. Viele tun das gern, trotz der weit verbreiteten elterlichen Anspruchshaltung. Aber sie dürfen ruhig die Frage stellen, ob sie für die Lebensplanung anderer Leute zahlen und sich gleichzeitig als Schmarotzer titulieren lassen möchten.

Was Kinder-Besitzer ebenso gern wie die Knete der gedemütigten, häufig unfreiwillig Kinderlosen nehmen, ist deren Hilfe. Beispielsweise die stille Bereitschaft, Weihnachten und Silvester die Schichten zu übernehmen und Mehrarbeit, wenn Papi oder Mami zum kranken Kind nach Hause muss. Und natürlich die Betreuungsstunden von Oma und Opa, die unter Eltern sonst gern als die Zukunft verprassende „Generation Teneriffa“ verachtet wird.

Fazit: Hilfe für Eltern und Empathie für Kinder sind also da.

Deshalb kann die Klage der Not leidenden Wohlstands-Eltern nur so verstanden werden:

Mist, da bleibt ja nichts übrig.

Verlustgeschäft.

Abschreibungsbedarf.

Wie hat eigentlich die Generation der so heftig kritisierten Rentner ihre Kinder groß gezogen? Und das auch noch in größerer Zahl? Ihre Antwort: Kinder sind kein Wirtschaftsgut. Kinder haben einen Wert, der sich nicht in der Währung der Ökonomen messen lässt, den Eltern aber bei ihrer Bilanz nicht vergessen sollten.

 

 

Zu diesem Beitrag gingen zahlreiche Hörerstimmen ein. Eine Auswahl:

Auf diesem Weg möchte ich Herrn Peter Köpf für seinen hervorragenden Feuilleton-Beitrag „Profitcenter Kind“ im Deutschlandradio Kultur danken!

Ich wurde wieder einmal an meine eigene Kindheit erinnert, als uns (meine Schwester und mich) unsere Mutter (Kriegerwitwe) in den 40er und 50er-Jahren groß gezogen hat. Meine Mutter fragte nicht nach staatlichen „Geldern“, sondern meisterte in 16-18-Stunden-Tagen an 7 Tagen in der Woche wenn man so will das Überleben. Statt „Nike“-Socken gab es selbstgestrickte Socken, die immer wieder gestopft wurden und das Butterbrotpapier für das Schulbrot mußte mindestens eine Woche lang immer wieder mitgebracht werden, um es neu zu verwenden, um nur einmal 2 Beispiele zu nennen.

Und trotz aller Entbehrungen war es eine tolle Kindheit, auch weil es keine finanziellen Interessen gab bzw. geben konnte. Es gab großen Zusammenhalt und es gab keinen Neid.

Hans-Helge Hansen, Rastede

 

 

Was für ein polemischer Artikel von Peter Köpf. Da werden Schwerpunkte verschoben, undifferenzierte Aussagen gemacht und die Zeit unserer Großeltern mit der heutigen verglichen.

Kinder waren schon immer ein Wirtschaftsgut und erst Recht zu Zeiten unserer Großeltern.

Cornelia Böthig

 

 

Als langjährige Hörerin Ihres Senders möchte ich Ihnen heute, zu Ihrem politischem Feuilleton vom 18.06.2008 von Herrn Peter Köpf ganz herzlich gratulieren. Herr Köpf hat endlich mal ausgesprochen, was Single, so wie ich, ohne Kind, schon lange denken. Wunderbar der Beitrag. Meine besten Empfehlungen an Herrn Köpf. Dieser Tag fing für mich gut an.

Petra Förste

 

 

Radio und besonders Dradio war bisher mein liebstes Informationsmedium. Es ist traurig anzuhören, dass unreflektiertes und emotionales Gedankengut auch bei Ihnen ein Plätzchen findet.

Statt die Problematiken anzugehen und zu hinterfragen, warum sich Eltern so überfordert fühlen, wird mit dem Vorschlaghammer die ganze Bandbreite auf einmal zusammengeprügelt: Gut- und Schlechtverdienende!

Das nenne ich mal einen Spagat – eine Metapher übrigens, Herr Köpf, die sowas von abgegriffen ist und die jeder der schon von Rhetorik hörte mit Leichtigkeit verwenden kann – beide Gruppen unter eine Mütze zu zaubern!

Ich kann nur sagen, wenn all diejenigen, die in unserer Gesellschaft was „zu sagen“ haben so kategorisch urteilen, dann sehe ich keinen Weg, der uns zur Lösung unserer Probleme führt.

Der Herr Köpf hat ein Sprachtalent, aber leider kein analytisches und lösungsorientiertes Denkvermögen.

Die Frequenz Dradio kann ich seit heute ebenso vergessen! Eine Redaktion, die jeden Senf aufs Brot schmiert – ob gut recherchiert oder nicht, ob sachlich richtig oder falsch, eine Redaktion, die den Eindruck vermittelt nicht regulierend einzugreifen, sondern für irgendwelche Möchtegern-Intellektuelle jeden Raum unreflektiert zur Verfügung stellt, macht es sich zu einfach!

Dies war mal ein Beitrag, bei dem ich eine Chance hatte zu erkennen, wie Meinungen verdreht, benutzt und ausgenutzt werden.

Es gibt Medien, von denen wissen wir das und  die kann ich meiden. Dradio hatte diesbezüglich mein Vertrauen!

Was machen Sie mit uns Zuhörern bei Thematiken, die uns nicht so nahe stehen. Die wir aus uns heraus nicht sachlich beurteilen können? Thematiken, bei denen wir auf Ihre Information angewiesen sind?

Eigentlich erwarte ich von meinem Medium, dass es mich sicher durch den Informationsjungle trägt!!

Meinungs- und Stimmungsmache gehören m. E. nicht dahin. Dann fühle ich mich manipuliert.

Die von Herrn Köpf aufgeworfenen Fragen sachlich zu diskutieren gehört für mich zur demokratischen Pflicht!

Aber Familien, die sich bewußt oder unbewußt, von der Spaßgesellschaft distanzieren und schwer rackern, damit wir auch in 20,30, 40... Jahren noch eine gut funktionierende Gesellschaft haben, alle über einen Kamm zu scheren und zu diffamieren, das finde ich peinlich und zeigt mir, wie wichtig es ist den Kindern Anstand und differenziertes Denken zu vermitteln.

Von wahllosem Medienkonsum werden meine Kinder und ich nicht infiltriert.

Und vielleicht schaffe ich es ja, unter Ausschluss menschenverdummender Multiplikatoren, meine Kinder zu verantwortungbewußten Trägern unser aller Geselllschaft zu erziehen.

UNSERE KINDER SIND KEINE WIRTSCHAFTS- ODER KOSTENFAKTOREN! STELLT EUCH VOR: WIR LIEBEN SIE!

Auch wenn gierig-aggressive Revierverteidiger sowas nicht nachvollziehen können!

Claudia Mertens