Vorsicht, „Judenkarte“

Leserbrief zum Spiegel-Titel:
Das überförderte Kind

PiratInnen?
Da hört der Spaß auf

It’s payback time

Killing bin Laden – right or wrong?

The elite’s historical amnesia

Freedom of opinion: A burning issue

Big Brother’s not watching

Raise wages, reduce debt

Germany’s ‘Iron Lady’

Sorry to see her go

Live and let live

Ayoba South Africa!

Why I’m against referendums

 

Archiv 2006 - 2009

Vorsicht, „Judenkarte“

Wer ist schuld am Antisemitismus in Deutschland? – Von Peter Köpf

Fast vierzig Prozent der Deutschen stimmen zu: „Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen.“ So steht es im weitgehend unbeachteten Expertenbericht „Antisemitismus in Deutschland“. In einem Buch hat kürzlich eine unbekannte Buchautorin dem 2007 gestorbenen Kunstsammler Heinz Berggruen vorgeworfen, für gute Geschäfte die „Judenkarte“ gespielt zu haben. Ein Journalist hat das in der angesehenen „Süddeutschen Zeitung“ unkommentiert übernommen. Ein Dammbruch?

Es war eine ganz normale deutsche Woche: Während das politische Establishment sich am Gedenken an die Ereignisse abarbeitete, die den 9. November zum multiplen republikanischen Erinnerungstag machen, enterte ein Berliner Abgeordneter der Piratenpartei die Frontseiten der Zeitungen, der den Zorn von Charlotte Knobloch auf sich gezogen hatte, indem er mit einem Palästinensertuch − für die Ex-Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland „Ausdruck einer antijüdischen Gesinnung“ − im Abgeordnetenhaus saß; weit vorn, nicht nur in den Hauptstadtblättern, fand sich auch ein Radiomoderator, der kurzeitig nicht mehr senden durfte, nachdem er in einer E-Mail geschrieben hatte: „Ich weiß, wer den Holocaust als PR erfunden hat.“ Viel Platz war auch für Sarkozys raunendendes Wort vom „Lügner“, für den er seinen israelischen Counterpart Netanjahu hält. Wenig Niederschlag fand dagegen der Antisemitismusbericht einer vom Bundesinnenminister eingesetzten Expertenkommission, die den Deutschen weiterhin ein hohes Maß an Judenfeindlichkeit bescheinigte. Lediglich die Berliner Tageszeitung „taz“ sah sich veranlasst, auf Seite 1 Alarm zu schlagen: „Es besteht Grund zur Aufregung.“

Was den Autor aufregte, waren folgende Ergebnisse der vom englischen Historiker Peter Longerich geleiteten Studie: Jeder fünfte Deutsche trägt „latenten Antisemitismus“ in sich. In Deutschland lebende Juden fühlten sich im Alltag ausgegrenzt, diffamiert, beschimpft und bedroht. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland nur deshalb im Mittelfeld, weil die Antisemitismuswerte in Polen, Ungarn und Portugal teilweise extrem hoch sind. Weiterhin seien die Rechtsextremisten der „bedeutendste politische Träger des Antisemitismus“ und für den überwiegenden Teil der Gewalttaten verantwortlich. Darüber hinaus jedoch sehen die Experten (unter ihnen auch zwei Frauen) eine „tiefe Verankerung antisemitischer Stereotype und Wahrnehmungsmuster in der Alltagskultur“.

Um dies zu erfahren, hätte es keiner zweijährigen Auswertung längst bekannter Studien bedurft. Sorgen muss allerdings folgender Befund auslösen: Neben bekannten Verschwörungstheorien gründe der heutige Antisemitismus auch auf dem „Vorwurf, Juden zögen Vorteile aus dem Holocaust oder nutzten ihn für ihre Zwecke zulasten deutscher Belange aus“. Knapp vierzig Prozent der Deutschen stimmten dem im vorigen Jahr zu, ein seit 2007 wieder steigender Wert. Außerdem dokumentiere sich „Judenfeindschaft“ in der Meinung, „Israel zu kritisieren, sei ein Tabu“ und „eine unterstellte ‚jüdische Lobby‘“ unterbinde jegliche Kritik, indem sie den Antisemitismusvorwurf „inflationär“ erhebe. Auch Journalisten kolportierten derartige Thesen.

Am 11. November ging dieser Bericht den Abgeordneten des Bundestags und der Öffentlichkeit zu, tags darauf erschien in der „Süddeutschen Zeitung“ ein Beitrag, der genau diese Vorwürfe gegen einen Juden enthielt: Im Rahmen der weitgehend unkritischen Würdigung eines Buchs über Heinz Berggruen (Vivien Stein: Heinz Berggruen – „Leben und Legende“) zitiert Stephan Speicher den Vorwurf der Autorin, „Tochter jüdischer Emigranten“, der 2007 gestorbene Kunsthändler habe bei seinen Geschäften die „Judenkarte“ gezogen. Diese Behauptung bleibt unkommentiert. In dem Buch, verspricht der Autor Stephan Speicher, erführen die Leser allerhand „über das Verhältnis der Deutschen zu den Juden, über die Welt des Kunsthandels, das Steuerzahlen und über die Vorzüge, die das Weltbürgertum mit sich bringt – vor allem für die Weltbürger selbst“. Und deshalb nehme die Berggruen-Biografie einer bisher unbekannten Autorin namens Vivien Stein, erschienen als erstes Buch eines erst im Sommer gegründeten Verlags, „den Leser an den Haken“.

Wie das? Heinz Berggruen, der Berlin seine Kunstsammlung zu einem fairen Preis übereignet hatte, werde „verehrt wie ein Heiliger“ und genieße den „Ruf des Wohltäters“, stellt Speicher fest. Er moniert mit Vivien Stein, dass bisher niemand dessen Geschäftsgebaren hinterfragt habe. Dargestellt wird Berggruen als Klischee: der Jude, der dunkle Immobiliengeschäfte macht und in „diskreter Atmosphäre“ die Finanzämter bescheißt, Berggrüns „größte Leidenschaft“, die er zwar mit anderen teile, die er aber in Paris „zu toll“ getrieben habe. In New York habe sich das wiederholt. Statt aber wie andere Sünder bestraft zu werden, sei es Berggruen mit einer „verkappten Steuernachzahlung“ (eine Bildergabe) gelungen, sich diskret aus der Affäre zu ziehen. In Berlin schließlich habe Berggruen „das Gefühl der Deutschen für ihre Schuld an den Juden“ ausgenutzt“. Er gehöre zu jenen Juden, die auf diese Weise „alles abräumen“, ihre Gönner „über den Löffel balbieren“ und die Steuerbehörden „zum Narren halten“.

Und wie der Vater, so der Sohn, so insinuiert Speicher. Die Firmen von Nicolas Berggruen, der im vorigen Jahr Karstadt gekauft hat und auch Immobiliengeschäfte betreibe, gingen „nicht zimperlich“ vor und bedienten sich ehemaliger Spitzenpolitiker wie Gerhard Schröder und Tony Blair, die ihm jene Türen aufstemmten, „die auf dem ordentlichen Wege versperrt bleiben müssten“.

Alles Gemauschel, signalisiert Speicher damit, Geschacher. Und niemand wagt es, die Stimme zu heben! Er will das nicht mehr mitmachen und schreibt: „Die Kritiklosigkeit der Öffentlichkeit Berggruen gegenüber gibt zu denken.“ Heinz Berggruens „Schlauheit“, so resümiert Speicher, habe Schwächen seiner Gegenüber ausgenutzt, die in Wirklichkeit „moralische Stärken“ seien, unter denen er auch „das Gefühl der Deutschen für ihre Schuld an den Juden“ subsummiert. „Hier kommt eine Überlegenheit ins Spiel, die etwas Trübes hat.“

Endlich sagte es mal einer, knirscht es zwischen des Kleinbürgers Kauleisten. Wenn sogar eine Jüdin von der „Judenkarte“ spricht, dann kann er sich bestätigt fühlen: Die Juden nehmen sich zu viel heraus. Die Juden stilisieren sich noch immer als Opfer und nehmen uns aus.

Buch und Rezension stießen allerdings in den Medien auf einhelligen Widerspruch. Rüdiger Schaper nannte Speichers Artikel in der Berliner Zeitung „Der Tagesspiegel“ „bösen Journalismus“, Michael Naumann ergänzt tags darauf, Steins Buch strotze von „Insinuationen“. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ nannte das Buch einen „Anschlag“, die Wochenzeitung „Die Zeit“ sprach von einem „Rufmord post mortem“. Jacques Schuster geißelte in der Zeitung „Die Welt“ die „Niedertracht“ und urteilte: „Auf ähnliche Weise ist der Antisemitismus entstanden.“

Weshalb druckt die Süddeutsche Zeitung eine nahezu ganzseitige, unkritische und epigonenhafte „Rezension“ dieses diffamierenden Buchs? Handelt es sich um den missglückten Versuch, sich über den offenbar weit verbreiteten Eindruck hinwegzusetzen, deutsche Nichtjuden müssten sich bei Israel und Judentum betreffenden Beiträgen selbst zensieren? Ist es also ein trotziges Bubenstück eines sich benachteiligt Fühlenden? Hat gar der Antisemitismus sich auf einer Seite des politischen Spektrums festsetzt, wo man derartige Vorurteile nicht erwarten würde?

Zu glauben, die Redaktion der Süddeutschen Zeitung wäre die einzig antisemitismusfreie Gesellschaft der Bundesrepublik, wäre ein Irrtum. Das Münchner Blatt ist im genannten Expertenbericht mehrfach genannt: So sei im August 2010 anlässlich der Hochzeit von Chelsea Clinton deren Partner Marc Mezvinsky als „Investmentbanker“ und „judischen Jugendfreund“ charakterisiert, „obwohl diese Zuschreibung keinerlei sachdienliche Information vermittelte“. Zwei Monate zuvor sei ein ebensolcher Artikel über „Amerikas berüchtigtsten Lobbyisten“, Jack Abramoff, erschienen, der nach seiner Haftstrafe in einer Pizzeria arbeitete: „Der Autor markiert Abramoff nicht explizit als Juden, aber er schreibt, dass es sich um eine ‚koschere Pizzeria‘ handele, ‘CDs und Kassetten eines Rabbi‘ an der Kasse erhältlich seien und der ehemalige Lobbyist seine Mitgefangenen im Gefängnis ‚in der Tora‘ unterrichtet und ‚einen Gebetskreis‘ abgehalten habe.“ Die Studie urteilt: „Der Leser konnte die Informationen über Abramoff, der Indianerstämme in den USA um mehrere Millionenbetrage geprellt hat, durchaus zu einem Konstrukt formen, das klassische antisemitische Stereotype bedient.“ Im Januar schließlich war im Feuilleton ein Artikel erschienen, in dem über den Verkauf von Immobilien berichtet wird, in denen bis dato die Berliner Kunstszene zu Hause war. Das ehemalige Postfuhramt sei an die „judische Investorengruppe Elad verkauft“ worden, ein anderes Areal habe ein „türkischer Privatinvestor“ gekauft. „Die Investorengruppe Elad ist eine zur israelischen Tschuva-Gruppe gehörende Gesellschaft“, ist der Studie zu entnehmen. „Anstatt von einem israelischen Investor zu sprechen, bringt die Autorin eine religiöse Konnotation ins Spiel, die keinerlei sachdienliche Hinweise bietet und durchaus einer Klischeebildung Vorschub leisten kann.“

Zusammenfassend stellen die Autoren fest, dass sich in den Medien „immer wieder Stereotypisierungen einschleichen, die antisemitische Konnotationen bedienen können“. Sie räumen allerdings ein, dass in seriösen Zeitungen unterschiedliche Stimmen zu Wort kämen, die einen differenzierteren Blick auf Sachverhalte zuließen.

Speichers Rezension allerdings ist der Auswurf von Geschichtsvergessenheit, ein Versuch der Entsorgung, die aus Opfern Täter machen will, wie ihn in gezielter Weise sonst nur Rechtsextremen unternehmen, welche die deutsche Verantwortung für den Holocaust relativieren wollen. Sie ist außerdem Ausdruck eines Backlash, mit dem manche sich liberal wähnende deutsche Nichtjuden vermeintliche Tabus zu brechen versuchen.

Doch dieses Unternehmen ist eine Spiegelfechterei. Diese Tabus existieren mitnichten. In diesem Land darf jeder seine Meinung äußern, sofern er sich an die demokratischen Regeln hält. Ein verurteilter Verbrecher darf straffrei Verbrecher genannt werden, ein Immobilienhai Immobilienhai, gleichgültig ob er nun katholischen, muslimischen oder jüdischen Glaubens ist, und unter den Spekulanten in New York und London befinden sich ebenfalls Anhänger jeglicher Glaubensrichtung. Verbrecher und Immobilienhaie gibt es nämlich bedauerlicherweise in allen Kirchen, bei jeglicher Nationalität und beiderlei Geschlecht.

Jeder Deutsche darf sich auch sein eigenes Bild von der israelischen Politik machen und seine Meinung frei äußern. Und viele tun das auch. Der Bericht der Expertenkommission nennt ausdrücklich die Israelkritik von links, die einen antisemitischen Diskurs befördern „könne“, weil die Kritiker Israel einseitig verurteilten, seine legitimen Sicherheitsinteressen ignorierten und das Existenzrecht leichtfertig infrage stellten. Allerdings sähen die Linken Israel nicht primär als jüdischen, sondern als imperialistischen und kapitalistischen Staat, durch den Araber beziehungsweise Palästinenser als „Opfer eines westlichen Dominanzstrebens“ erschienen. „Definiert man Antisemitismus als Feindschaft gegen Juden als Juden, so lassen sich für eine solche Position keine ideologieimmanenten Anhaltspunkte im anarchistischen oder kommunistischen Selbstverständnis finden.“

Kritik an der Politik der israelischen Regierung ist also erlaubt und findet statt. Was jedoch niemand unternehmen darf, schon gar nicht in diesem Land, ist ein Angriff auf eine Minderheit als solche. Die „Judenkarte“, von der Stein und Speicher sprechen, ist solch ein Angriff. Auf ihr steht der Satz: Es ist geboten, Juden zu gehorchen. Eine solche Karte gibt es nicht. Hierzulande darf niemand wegen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe benachteiligt werden, auch autochthone Deutsche nicht. Das Diskriminierungsverbot steht sogar im Grundgesetz, und es schließt ein, dass niemand wegen der Angehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe bevorzugt werden darf oder gar muss, weil das die Zurücksetzung anderer bereits erfüllt.

Auf der Karte, die sticht, steht etwas Selbstverständliches: Es ist verboten, Juden zu diskriminieren. Das gilt für einzelne wie für die Gruppe als gesamte. Und es gilt für alle Minderheiten, ja: für alle Menschen. Zu vorauseilendem Gehorsam und deutschem Untertanengeist gibt es jedoch keinen Anlass. Niemand wird gezwungen, bei der Begegnung mit Juden stramm zu stehen.